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Lagebeziehung zweier Geraden

In der analytischen Geometrie untersucht man häufig, wie zwei Geraden zueinander liegen.
Dabei unterscheidet man im Raum vier mögliche Lagebeziehungen.


Allgemeine Form

Gegeben seien zwei Geraden in Parameterform:

\[ \begin{aligned} g:\ &\vec{x} = \vec{a} + \lambda \cdot \vec{u}, \quad \lambda \in \mathbb{R} \\ h:\ &\vec{x} = \vec{b} + \mu \cdot \vec{v}, \quad \mu \in \mathbb{R} \end{aligned} \]

Dabei sind:

  • \(\vec{a}, \vec{b}\) Stützvektoren,
  • \(\vec{u}, \vec{v}\) Richtungsvektoren.

Mögliche Lagebeziehungen

1. Identische Geraden

Die Geraden sind identisch, wenn

  • ihre Richtungsvektoren linear abhängig sind und
  • ein Stützpunkt der einen Geraden auf der anderen liegt.

2. Parallele Geraden (nicht identisch)

Die Geraden sind parallel, wenn

  • ihre Richtungsvektoren linear abhängig sind,
  • aber kein Punkt der einen Geraden auf der anderen liegt.

3. Sich schneidende Geraden

Die Geraden schneiden sich, wenn sie genau einen gemeinsamen Punkt besitzen.

Dazu setzt man die beiden Geradengleichungen gleich:

\[ \vec{a} + \lambda \vec{u} = \vec{b} + \mu \vec{v} \]

Ergibt sich ein lösbares lineares Gleichungssystem für \(\lambda\) und \(\mu\), so schneiden sich die Geraden im berechneten Punkt.


4. Windschiefe Geraden

Die Geraden sind windschief, wenn

  • sie nicht parallel sind und
  • keinen Schnittpunkt besitzen.
Hinweis:
Windschiefe Geraden kommen nur im Raum vor, nicht in der Ebene.

Vorgehensschema


Beispiele

Gegeben ist in allen Beispielen die Gerade

\[ g:\ \vec{x} = \begin{pmatrix} 2\\ 1\\ 3 \end{pmatrix} + r \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} \]

Zu jeder zweiten Geraden \(h\) wird die jeweilige Lagebeziehung bestimmt.

1. Fall

\[ h:\ \vec{x} = \begin{pmatrix} 1\\ 1\\ 5 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 2\\ 0\\ -4 \end{pmatrix} \]

Paralellität der Richtungsvektoren:

\[ \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = r\cdot \begin{pmatrix} 2\\ 0\\ -4 \end{pmatrix} \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} -1&=2r\\ 0&=0\\ 2&=-4r \end{array}\right. \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} r&=-0.5\\ 0&=0\\ r&=-0.5 \end{array}\right. \Rightarrow \text{Richtungsvektoren parallel} \]

Punktprobe:

\[\begin{pmatrix} 2\\ 1\\ 3 \end{pmatrix}=\begin{pmatrix} 1\\ 1\\ 5 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 2\\ 0\\ -4 \end{pmatrix} \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} 2&=1+2s\\ 1&=1\\ 3&=5-4s \end{array}\right. \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} s&=0.5\\ 1&=1\\ s&=0.5 \end{array}\right. \Rightarrow (2|1|3)\in h\]
Ergebnis:
Die Geraden sind identisch.

2. Fall

\[ h:\ \vec{x} = \begin{pmatrix} 2\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} -2\\ 0\\ 4 \end{pmatrix} \]

Paralellität der Richtungsvektoren:

\[ \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = r\cdot \begin{pmatrix} 2\\ 0\\ -4 \end{pmatrix} \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} -1&=2r\\ 0&=0\\ 2&=-4r \end{array}\right. \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} r&=-0.5\\ 0&=0\\ r&=-0.5 \end{array}\right. \Rightarrow \text{Richtungsvektoren parallel} \]

Punktprobe:

\[\begin{pmatrix} 2\\ 1\\ 3 \end{pmatrix}=\begin{pmatrix} 2\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 2\\ 0\\ -4 \end{pmatrix} \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} 2&=2+2s\\ 1&=2\ \ \text{f.A.}\\ 3&=1-4s \end{array}\right. \Rightarrow (2|1|3)\notin h\]
Ergebnis:
Die Geraden sind parallel.

3. Fall

\[ h:\ \vec{x} = \begin{pmatrix} 1\\ -1\\ 4 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 0\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} \]

Paralellität der Richtungsvektoren:

\[ \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = r\cdot \begin{pmatrix} 0\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} -1&=0\ \ \text{f.A.}\\ 0&=2r\\ 2&=r \end{array}\right. \Rightarrow \text{Richtungsvektoren nicht parallel} \]

Gleichungssystem lösen:

\[ \begin{pmatrix} 2\\ 1\\ 3 \end{pmatrix} + r \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1\\ -1\\ 4 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 0\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} \]

Koordinatenvergleich:

\[ \begin{array}{rcl} 2 - r &=& 1 \\ 1 &=& -1 + 2s \\ 3 + 2r &=& 4 + s \end{array} \]

Aus der ersten Gleichung folgt \(r = 1\), aus der zweiten Gleichung folgt \(s = 1\).

Beim Einsetzen in die dritte Gleichung erhält man:

\[ 3 + 2 \cdot 1 = 4 + 1 \quad \Rightarrow \quad 5 = 5 \;\text{w.A.} \]

Setzen wir \(r = 1\) in die Geradengleichung \(g\) ein, so ergibt sich der Schnittpunkt:

\[ \begin{pmatrix} 2\\ 1\\ 3 \end{pmatrix} + \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1\\ 1\\ 5 \end{pmatrix} \quad \Rightarrow \quad S(1|1|5) \]
Ergebnis:
Die Geraden schneiden sich im Punkt \(S(1|1|5)\).

4. Fall

\[ h:\ \vec{x} = \begin{pmatrix} 2\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 1\\ 1\\ 2 \end{pmatrix} \]

Paralellität der Richtungsvektoren:

\[ \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = r\cdot \begin{pmatrix} 1\\ 1\\ 2 \end{pmatrix} \Rightarrow \left\{\begin{array}{rl} -1&=1\ \ \text{f.A.}\\ 0&=r\\ 2&=2r \end{array}\right. \Rightarrow \text{Richtungsvektoren nicht parallel} \]

Gleichungssystem lösen:

\[ \begin{pmatrix} 2\\ 1\\ 3 \end{pmatrix} + r \begin{pmatrix} -1\\ 0\\ 2 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 2\\ 2\\ 1 \end{pmatrix} + s \begin{pmatrix} 1\\ 1\\ 2 \end{pmatrix} \]

Koordinatenvergleich:

\[ \begin{array}{rcl} 2 - r &=& 2 + s \\ 1 &=& 2 + s \\ 3 + 2r &=& 1 + 2s \end{array} \]

Aus der zweiten Gleichung folgt:

\[ 1 = 2 + s \quad \Rightarrow \quad s = -1 \]

Einsetzen in die erste Gleichung:

\[ 2 - r = 2 - 1 \quad \Rightarrow \quad r = 1 \]

Einsetzen von \(r = 1\) und \(s = -1\) in die dritte Gleichung:

\[ 3 + 2 \cdot 1 = 1 + 2 \cdot (-1) \]
\[ 5 = -1\ \ \text{f.A.} \]
Ergebnis:
Die Geraden besitzen keinen Schnittpunkt und sind nicht parallel.
Sie sind daher windschief.